Buchstaben-Salat-Rezension:
Liebhaber klassischer Wanderfantasy, Schlachtengetümmel und spitzohriger Elfen
sollten genau jetzt aufhören, diese Rezension zu lesen, denn für genau die wird
das hier besprochene Buch eher nichts sein. Wer aber Wert auf eine intelligente,
wendungsreiche Geschichte in einer atmosphärisch dicht angelegten
mittelalterlichen Welt legt - aufgepasst. "Chalions Fluch" ist bestens geeignet
für Leser, die etwas für höfische Intrigen und politische Ränkespiele übrig
haben, in deren Mittelpunkt das - recht eindeutig definierte - Gute dem Böses
gegenüber steht.
Cazaril,
Hauptfigur und für mich Verkörperung des klassischen "stille Wasser sind
tief"-Sprichwortes, kehrt nach seiner Befreiung aus dem Sklavendienst auf einer
Galeere zurück in die Burg, in der er einst als Page diente. Dort bittet er um
Anstellung und wird zum Privatsekretär bzw. Tutor der Royesse Iselle ernannt,
die sich kurz darauf samt Bruder Teidez an den königlichen Hof ihres Bruders
Orico begibt. Das angestrebte friedvolle Leben ist Cazaril am turbulenten Hof
nicht gegönnt, denn bald sieht er sich alten Feinden gegenüber und muss zudem
darauf achten, dass sein junger Schützling nicht zum Spielball des machtgierigen
Adels wird.
Ein Großteil
der Geschichte wird zwar vom typischen höfischen Intrigenspiel bestimmt, dennoch
ist dies längst nicht alles. Da wäre z.B. noch der Fluch, der auf allen
Mitgliedern der Herrscherfamilie Chalions liegt, und den Cazaril aufzuheben
gedenkt. Neben dem mit feinem Witz ausgestatteten Sekretär hat McMaster Bujold
die Welt von Chalion mit vielen interessanten Charakteren bestückt, deren
"Bekanntschaft" zu machen sich wirklich lohnt. Ob nun der Zynismus Cazarils, die
geheimnisvollen Weisheiten des Hofangestellten Umegats oder die clevere
Intelligenz Iselles - all dies verleiht der Geschichte eine spezielle Note, die
zudem durch viele hintersinnige oder auch einfach nur komische Andeutungen
zwischen den Zeilen zum Tragen kommen.
Gerade der lockere Humor ist es, der trotz
komplizierter Verwicklungen und Ausflügen ins Philosophisch-Theologische zum
Weiterlesen verführt und die Geschichte davor bewahrt, allzu trocken zu werden.
Und wer am Ende des in sich abgeschlossenen Buches Lust bekommen hat, noch
weiter in der Welt von Chalion zu verweilen, kann dies mit der Lektüre des
Nachfolgebandes "Paladin der Seelen" gerne tun. Fazit: Ein wundervolles Buch,
bei dem es sich lohnt, jeden Satz sorgfältig zu lesen, denn es sind viele
Andeutungen und Anspielungen zwischen den Zeilen versteckt.