Buchstaben-Salat-Rezension:
Die jüdische Goldhändlertochter Lea übersteht nur knapp ein Pogrom, bei dem ihr
Vater und älterer Bruder Samuel getötet werden. Mit großer Mühe gelingt es dem jungen
Mädchen, ihren schwer verletzten Bruder Elieser - nun das Familienoberhaupt -
und ihre jüngere Schwester Rachel in Sicherheit zu bringen. Da Elieser zu krank
ist, um die Geschäfte seines Vaters als Hoffaktor des Markgrafen Ernst Ludwig von
Hartenburg weiterführen zu können, verkleidet sich Lea und gibt sich
als ihr Bruder Samuel aus. Die Täuschung gelingt und fortan sieht sich die junge
Jüdin nicht nur mit einer Männer- und Handelswelt konfrontiert, sondern bei
ihren Reisen auch verstärkt den Übergriffen der christlichen Bevölkerung ausgesetzt,
die den angeblichen "Christusmördern" meist feindlich gesonnen sind.
Der Beginn der Geschichte erinnerte mich stark an
Iny Lorentz "Die Wanderhure", da auch dort ein plötzlicher Schicksalsschlag das
Leben einer jungen Frau dramatisch verändert und sie vor die schwere Aufgabe
stellt, sich ganz allein durchs Leben zu schlagen. Trotz anfänglicher Parallelen
entwickelte sich "Die Goldhändlerin" doch in eine ganz andere Richtung, denn Lea
muss nicht nur für sich, sondern auch für ihre Geschwister und Angestellten
sorgen - und das nicht etwas mit körperlichen Reizen, sondern mit Intelligenz
und geschäftlicher Raffinesse. Dabei wird sie immer von der Angst begleitet, dass ihre Verkleidung
auffliegt und sie als Frau erkannt wird - für eine Jüdin ist es eine schlimme
Sünde, sich als Mann auszugeben.
Das Buch liest sich locker,
leicht und weist nur wenige Längen auf. Abwechslung bringt vor allem die
interessante Figur des undurchsichtigen Handelsagenten Roland Fischkopf alias
Orlando Terasa de Quereda y Cunjol - ein Name, der ebenso bunt und sympathisch
ist, wie der Mann selbst. Diesem Urteil wird Lea allerdings zunächst nicht
zustimmen, denn auch wenn Orlando sie des Öfteren aus brenzligen Situationen
rettet, hat sie so ihre Probleme mit seiner frechen, unberechenbaren Art. Neben
den interessanten Figuren sorgt auch ein geographischer Wechsel von Deutschland
nach Spanien dafür, dass kaum Langeweile aufkommt. Dort trifft Lea sogar auf
eine historische Persönlichkeit, die jedem von uns ein Begriff sein sollte...
Insgesamt hat mir zwar "Die Wanderhure" besser gefallen, doch das ist sicherlich Geschmacksache. Für Liebhaber historischer Romane, die
einmal eine Geschichte lesen möchten, die nicht wie so oft in England spielt,
sicherlich ein heißer Tipp. Einen weiteren Pluspunkt stellt der Epilog dar, in
welchem das Autorenpaar, das sich hinter Iny Lorentz verbirgt, aufdeckt, welche
Aspekte der Handlung erfunden und welche der tatsächlichen Historie entnommen
sind.