„Der ewig dunkle
Traum“ – das ist eine ergreifende abwechslungsreiche Reise in
die Abgründe der Schattenwelt, in das Reich der Geister, Vampire
und Dämonen - aber auch in die geistigen morbiden Auswüchse der
Vorstellungskraft - der Leser begegnet diesen Geschöpfen
persönlich oder aber er taucht in die düsteren Fantasien der
agierenden Personen ein. Diese Sammlung der unterschiedlichsten
Erzählungen des Grauens sollte bei keinem Liebhaber der
schwarzen Literatur im Bücherregal fehlen.
Die
Kurzgeschichten stammen aus der Feder mehrerer Autoren wie dem
Namensgebenden Wolfgang Hohlbein, begleitet von Barbara Büchner,
Markus Heitz, Marc-Alastor E.-E. u.v.a. ebenfalls Alisha Bionda
und Michael Borlik; die beiden Herausgeber; geben ihren eigenen
Beitrag zu diesem Almanach der Schattenwelt zum besten, aber
auch ein paar neue Gesichter in diesem Genre gewähren einen
ersten Einblick in ihre beklemmenden Fantasien des Schreckens:
Ein besonderer Geschmack entführt uns in die moderne Welt der
vampirartigen Wesen Elaine und Gedeon, ihrem gnadenlosen Kampf
gegen die eigenen Artgenossen.
Die
actiongeladene, teilweise zynische Story erinnert zweifelsohne
an das Schicksal des Daywalkers BLADE. Die Geschichte liest sich
auch vielmehr wie ein kurzer Einblick in einen umfassenden
Zyklus dieses außergewöhnlichen Paares, weniger wie eine
abgeschlossene Kurzgeschichte. Vielleicht werden wir von Markus
Heitz und seinen Kreaturen irgendwann noch mehr lesen. Eddie
M.Angerhuber dreht die Lautstärke der ersten Geschichte auf ein
Minimum und bedient sich vielmehr psychologischer Elemente. In
Das Nachtbuch wird mit einer geschickten Metapher gespielt; die
Schattenwelt als Symbol einer Beziehungskrise: eine Frau wird
zur Gefangenen ihres Geliebten, nachdem dieser sie mit einem
Fremden erwischte, der sie anscheinend infiziert hat, denn die
Frau verändert sich zunehmend. Sie wandelt sich zu einer Art
Dämonin, sucht ihren Trost in einem Buch, dass die Geheimnisse
der Hölle zu kennen scheint.
Mark Freier (auch
er lässt es sich nicht nehmen, einen kleinen Schocker zum besten
zu geben) jagt den Leser in Das Höllenwunder durch einen
schnellen, aufregenden Alptraum. In Seelenpfand arbeitet die
Herausgeberin Alisha Bionda ebenfalls mit einer Metapher – das
Schicksal der Vampire als Spiegel zur alltäglichen, misslungen
Beziehung unter Normalsterblichen. Hier bedient sie sich auch
eines wunderschönen Spiels mit Worten, um die auszehrende
Ambivalenz dieser Krise deutlich zu machen. Nach diesen
Ausflügen in die Abgründe der emotionalen Hölle serviert uns
Armin Rößler eine klassische Gruselstory. In einem
Vergnügungspark bricht das Grauen abrupt in das Leben des jungen
Adrian ein, jagt ihn durch eine Geisterbahn seiner
beklemmendsten Ängste und wartet mit einem schockierenden Ende
auf.
Frank H.Haubold
entführt uns in Die Stadt am Fluss, zusammen mit Robert wandern
wir durch eine leise Gespenstergeschichte, die Geister der
Vergangenheit holen uns schleichend ein, wir baden uns in tiefen
Sehnsüchten, begleitet von einigen Zitaten der „Doors“ und Jim
Morrison. Beklemmend, aber auch von einer ganz eigenen
Atmosphäre umschlungen geht es in Trauerflug aus dem Süden zu.
Dominik Irtenkauf und Javier Hurtado berichten über eine Gruppe
von Männern, die das Verschwinden einiger Personen aufklären
wollen. Sie machen sich auf den Weg durch eine düstere, einsame
Moorlandschaft – ein Weg in den Schrecken.
Die Titelgebende
Schattenchronik – der ewig dunkle Traum vom Altmeister Wolfgang
Hohlbein führt den Leser in die Anfänge der Geschichte um die
Vampirin Dilara ein. Wie alles begann, wie sie unmerklich zu dem
wurde, was sie fürchtete. In die Vorfreuden auf ihre eigene
Verlobung bricht der Vampir Antediluvian in ihr behütetes
sorgloses Leben ein und zeigt ihr das wahre Gesicht der
Schattenwelt. Das junge Mädchen versinkt in eine Schizophrenie
zwischen Wahn und Wahrheit bis zur finalen schrecklichen
Erkenntnis, was tatsächlich mit ihr passiert ist. Der Einstieg
in einen viel versprechenden Zyklus...
Die Nahrung der
Toten von Barbara Büchner greift das Thema des Nachzehrers bzw.
eines Ghouls auf, verpackt in eine kurze, emotionsgeladene
Geschichte. Marc-Alastor E.-E. präsentiert die erste von drei
Mumiengeschichten in diesem Band. Hierbei wird auf mitreißende
Weise das Thema der Mumifizierung am eigenen Leibe behandelt.
Lange lebe die Königin! heißt es am Ende nach einem Trip durch
die einzelne erschreckenden Stationen. Der Vampir als
melancholischer Romantiker findet seinen Engel der Nacht in
Michael Borliks Erzählung. Er macht seine sterbliche Angebetete
zu einem Geschöpf seinesgleichen, damit sie somit doch noch ein
Paar werden können. Anfänglich gewöhnungsbedürftig wie der Titel
Mumienglanz in der Nekrophilharmonie liest sich die
experimentelle Sprache von Dominik Irtenkauf. Ebenso
gewöhnungsbedürftig wohl wie die Aussagen der hier sprechenden
Geister, die durch das Einbrechen der Sterblichen in ihrer
ewigen Ruhe gestört werden.
Für ein
belustigtes Schmunzeln sorgt Boris Koch in seinem Heiligabend
bei Manfred. Weihnachten bei den Blutsaugern bei dampfendem
Glühblut-herrlich! Für beste viktorianische Unterhaltung im
alten London sorgt Linda Budinger mit ihrem Schattentrinker. Das
Thema Mumie wird diesmal in guter alter Tradition aufbereitet,
aber auch der berüchtigte „Jack the Ripper“ sieht sich mit einer
ganz neuen Theorie konfrontiert. Beste Unterhaltung durch eine
bodenständige Gruselgeschichte. Klassisch präsentiert sich auch
Der Verfluchte von Tainsborough Manor. Christel Scheja geleitet
uns in eine altbewährte Spukgeschichte verpackt in einer
dramatischen Liebesnovelle. Am Ende wartet Markus K. Korb
nochmal mit einem packenden Schocker auf. Die Brut erinnert in
seinem Flair an Horror-Geschichten aus den Federn von
H.P.Lovecraft oder Stephen King, vor allem das überraschende
Finale lässt den Leser noch mal zusammenfahren.
Die Essays von
Christel Scheja im Anhang geben abschließend einen interessanten
Einblick in die historischen und wissenschaftlichen Hintergründe
der Geschöpfe, von denen wir in den vorangegangenen Erzählungen
lesen durften. Über Dämonen, Werwölfe, Vampire bis hin zu den
Mumien werden noch mal all diese klassischen Schattenwesen
genauer unter die Lupe genommen. Dominik Irtenkauf jongliert in
seiner Niederschrift nochmal auf seine ganz eigene Weise mit den
Worten, verpackt Nietzsche und Bram Stoker zu einer gemeinsamen
Theorie, um der Welt der Schatten seinen speziellen Anstrich zu
geben.
Auf den letzten
Seiten stellen sich noch mal alle Autoren mit Fotos und kurzen
Abrissen über ihr Schaffen vor, damit auch die Personen hinter
dieser großartigen Chronik ein Gesicht bekommen.
Die Aufmachung
dieses Buches ist beeindruckend!
Für gerade mal
9,95 € bekommt man eine ganze Menge geboten: nicht nur alleine
die erwähnten Erzählungen und Zusatzinformationen, sondern auch
die Covergestaltung von Mark Freier als auch die morbiden
Illustrationen von Pat Hachfeld als passende Einleitung zu jeder
Geschichte geben dem jeweiligen Einstieg eine ganz eigene
Atmosphäre und sorgen für den richtigen Flair. Schriftgröße und
der illustrierte Seitenaufbau machen deutlich, dass man hier ein
sorgfältig gestaltetes Werk in Händen hält, welches somit
zusätzliches Lesevergnügen bereitet. An dieser Stelle noch mal
ein großes Lob an den BLITZ-Verlag für dieses schöne Buch, ich
habe es sehr genossen, diesen ewig dunklen Traum zu träumen.