Buchstaben-Salat-Rezension:
Stell dir vor, du bist ein Kind und denkst, dein Abendessen sei vergiftet. In
dieser absurden Situation befinden sich Alice und Boone, ein Geschwisterpaar,
das bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater lebt. Die Geschichte beginnt
geheimnisvoll und verwirrend: Wieso geben sich die beiden Kinder am
Abendbrottisch geheime Zeichen und teilen einander mit, ob Hühnchen, Reis oder
Limonade vergiftet sind? Und wieso kommt wenig später ihre Mutter ins Kinderzimmer
und fordert sie auf, wegzulaufen?
Um dieses Rätsel zu lösen, beginnt Hepinstall die
Geschichte nach wenigen Seiten noch einmal ganz von vorne - sie erzählt
praktisch (fast) das Ende vorweg, um dann nach und nach aufzudecken, wie es
überhaupt dazu kommen konnte, dass zwei Kinder im eigenen Elternhaus um ihr
Leben fürchten müssen. Das macht sie sehr geschickt und konstruiert eine
Geschichte, die in wohl dosierten Portionen ihre Geheimnisse preis gibt und
dabei flüssig zu lesen ist.
An sich ist "Ein Hauch von
Bittermandel" eine spannend erzählte Geschichte mit einer guten Idee. Irgendwie
lief mir jedoch alles etwas zu geplant und ließ sich vieles schon vorweg
erahnen, so dass für mich die Auflösung nicht den wahrscheinlich von der Autorin
geplanten Knalleffekt brachte. Was ihr aber sehr gut gelang, war die Schilderung
der Verzweiflung der beiden Kinder, die sich in ihrem Heim vom Stiefvater
bedroht fühlen und sich dabei noch nicht einmal auf Hilfe und Schutz durch ihre Mutter
verlassen können.
Die Charaktere sind gut
gezeichnet - Alice, das intelligente und tapfere kleine Mädchen, Boone, der
Junge, der seine erste Liebe findet und dabei den Glauben an Gott zu verlieren
droht und Meg, die Mutter, die nicht ohne Mann leben kann und will und darüber
fast ihre Kinder vergisst. Gerade die Figur der Meg ist Hepinstall gut gelungen
- ihre Motive werden glaubhaft geschildert, auch wenn man sie gerne bei den
Schultern nehmen und schütteln möchte, angesichts Hilflosigkeit und Verblendung
gegenüber ihrem neuen Mann und den bedrohten Kindern.
Alles in allem ein schönes Buch, dem meiner
Meinung nach ein wenig mehr Pfiff sicher nicht geschadet hätte, das aber trotzdem einen
spannenden Leseabend bescheren kann.