Buchstaben-Salat-Rezension:
Kaum ist der Chirurg - ein Serienmörder, der ganz Boston
in Atem hielt - hinter Gittern, sieht sich Detective Jane Rizzoli
mit einer neuen Mordserie konfrontiert. Dabei hat sie die
schrecklichen Erlebnisse des letzten Sommers noch nicht verarbeitet
und dass der neue Serienmörder ähnlich arbeitet, wie der Chirurg,
trägt nicht dazu bei, ihr Seelenheil wiederherzustellen. War die
toughe Jane Rizzoli in "Der Chirurg" neben dem sympathischen
Detective Thomas Moore allenfalls Co-Star, steht sie in "Der
Meister" im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Nicht nur der des
Lesers, sondern auch der des inhaftierten Chirurgen, der geradezu
von der Frau besessen ist, die ihn nicht nur gefasst hat, sondern
die ihm gegenüber auch keine Angst gezeigt hat.
Rizzoli bleibt ihrer Linie aus Band 1
treu: Als weibliche Polizistin richtet sich ihr ganzes Streben
danach, keine Schwäche zu zeigen und ihren männlichen Kollegen immer
einen Schritt voraus zu sein. Geht es um ihren Job, brilliert sie
meist - geht es um ihr Privatleben oder ganz allgemein ihr
Selbstbild, dominieren Selbstzweifel. Dieses Muster zieht sich durch
das gesamte Buch und wird fast übermäßig oft betont. Dass "Der
Meister" nicht an das Spannungsniveau seines Vorgängers heranreichen
kann, liegt zudem auch darin begründet, dass der Fall quälend
langsam voranzugehen scheint. Stellenweise - gerade in der Mitte des
Buches - dauert es einfach zu lange, bis eine weitere Entwicklung
die Geschichte voranbringt.
Hinzu kommt, dass die Opfer des
"Lehrlings" dem Leser unbekannt sind und nicht wie mit der Ärztin
Cordell mit einer Hintergrundgeschichte versehen sind. Zudem bemüht
Gerritsen mit dem FBI-Beamten Dean ein Klischée, das in vielen
Thrillern zur Anwendung kommt. Ein Außenstehender mischt sich in die
Ermittlungsarbeiten eines mehr oder weniger eingespielten Teams ein,
bedroht Zuständigkeiten und das von Rizzoli mühsam aufrechterhaltene
Machtgefüge. Irgendwo hat man das doch schon alles gelesen... Und
auch eine sich lange Zeit ankündigende Liebesgeschichte wirkt zu
vorhersehbar und wenig originell. Der überhastet wirkende Schluss,
der zwar ein wenig Spannung in die bis dahin vor sich hindümpelnde
Geschichte bringt, verschafft dem Buch nur ein halbwegs
befriedigendes Ende. Mir erschien die Auflösung zu plötzlich und vor
allem viel zu problemlos!
Insgesamt kann "Der Meister" kaum an
Spannung und Originalität mit seinem Vorgänger mithalten. Zudem bin
ich erneut der Meinung, dass die Übersetzung des Originaltitels "The
Apprentice" in "Der Meister" falsch ist, da sich die Wahl des Titels
bisher immer auf den im Mittelpunkt der Ermittlungen stehenden
Serienmörder bezogen hat und hier ist dies eben nicht der Meister,
sondern der Lehrling des Chirurgen aus dem ersten Band.