Buchstaben-Salat-Rezension:
Schaut man im Lexikon unter Mob nach, finden sich dort Erklärungen wie
"aufgewiegelte Volksmenge" oder "sich zusammen rottender Pöbel". In "Die Straße
zum Paradies" werden diese Definitionen mit Leben gefüllt, denn der Leser ist
Zeuge, wie an drei stickig-heißen Juli Tagen des Jahres 1863 der Moloch New York
vollkommen aus den Fugen des normalen Großstadtalltags gerät. Dies alles, weil
die Einberufungsbehörde per Los die nächsten Soldaten für den Amerikanischen
Bürgerkrieg ermitteln lässt und es dabei die Möglichkeit gibt, sich für 300
Dollar frei zu kaufen. Und das - so die erboste Menge - wo ein (Zitat) "Nigger"
auf dem Sklavenmarkt gar 1.000 Dollar kostet.
Aus dieser Sache entwickelt
sich langsam, aber unaufhaltsam eine Woge der Gewalt, die sich über die Stadt
ergießt und zahlreiche Menschen mit sich reißt, unter anderem Ruth, die den
entflohenen Sklaven Billy geheiratet hat und inmitten der Aufstände auch noch
von ihrem Ex-Mann, dem Brutalo Johnny Dolan, bedroht wird. Außerdem der
Journalist Herbert Willis Robinson, dessen beruflicher Ehrgeiz ihn sich in den
Mob einschleichen lässt, um die Ereignisse für einen Zeitungsartikel aus
nächster Nähe beobachten zu können. Außerdem sorgt er sich um die Prostituierte
Maddy, der er ein Haus in der Paradise Alley - wo auch Ruth und ihre Schwägerin
Deidre wohnen - gekauft hat und die ebenfalls zum Ziel des wütenden Mobs werden
könnte.
Das 900 Seiten
dicke Buch erzählt eine eng gestrickte Geschichte, in der die Protagonisten alle
auf eine bestimmte Weise miteinander verbunden sind. Steht man deren Schicksal
zunächst noch ungerührt gegenüber, ändert sich dies schnell, wenn Baker im Laufe
der Handlung mehr und mehr über ihre Vergangenheit verrät. So wechseln sich
Schilderungen der Realität mit Nacherzählungen der Vergangenheit ab - zum Glück
ist beides gleichermaßen spannend, so dass keiner der vielen Handlungsstränge
große Langeweile aufkommen lässt. Ein wenig unübersichtlich wird es an einigen
Stellen jedoch schon, wenn Baker einen Rückblick im Rückblick veranstaltet, aber
insgesamt hält sich das Erzählchaos doch in Grenzen.
So wie auch der Mob anschwillt, nimmt die
Geschichte an Faszination zu und lässt vor allem die Macht und blinde
Gewalttätigkeit einer aufgewiegelten Menschenmasse fast zu lebhaft vor den Augen
des Lesers entstehen. Was Gruppendynamik auslösen bzw. unterdrücken kann wird im
vorliegenden Buch auf ganz eindrucksvolle Weise dargestellt! Insgesamt eine
lange, aber lohnenswerte Lektüre, die den Leser mitnimmt auf eine dreitägige
Reise ins lärmende, stinkende und stickige New York des 19. Jahrhunderts.