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Lesung zu "Echo einer Winternacht" von Val McDermid in Aachen,
18. Januar 2005

"Echo einer Winternacht" ist der neuste (ins Deutsche übersetzte) Kriminalroman der schottischen Autorin Val McDermid und war am 18. Januar 2005 Gegenstand einer Lesung in der Mayerschen Buchhandlung in Aachen. Der Abend wurde zweisprachig durchgeführt: McDermid las in einem wunderbaren, von schottischen Einflüssen geprägten Englisch, während der Schauspieler Boris Aljinovic (u.a. bekannt als Berliner Tatort-Kommissar an der Seite von Dominic Raacke) den deutschen Part übernahm. Dabei ergab sich ein munteres Wechselspiel, das einige der Anfangsszenen sowie eine etwas später vorkommende, beinhaltete.

Der Plot
Im Buch geht es um einen Mordfall, der sich in einer bitter kalten Winternacht im schottischen Universitätsstädtchen St. Andrews des Jahres 1978 ereignet. Vier junge Studenten aus Kirkcaldy - einer Bergbaustadt an der Ostküste Schottlands, in der auch die Autorin aufwuchs - finden eine sterbende junge Frau mitten in einem Schneetreiben. Aus den Zeugen Alex, Weird, Ziggy und Mondo werden schnell die Hauptverdächtigen in einem Fall, in dem die Polizei kaum Beweise finden kann...

Der Tatort-Kommissar
Im Anschluss an die rund 45minütige Lesung wurden von einer Moderatorin zunächst dem sehr sympathisch wirkenden Aljinovic einige Fragen gestellt. Mir erschienen diese allerdings als ein wenig weit hergeholt und entsprechend vage fielen auch die Antworten des Schauspielers auf Fragen à la "Inwieweit können Sie das, was Sie in Romanen wie "Echo einer Winternacht" lesen, auf ihre Arbeit als Tatort-Kommissar anwenden?" aus. Aljinovic lobte die schöne schottische Atmosphäre der Romane, die er beim Lesen sehr genossen habe, wies aber darauf hin, dass zwischen der Polizeiarbeit des Jahres 1978 in einer schottischen Kleinstadt und den fiktiven Fällen der Berliner Mordkommission 25 Jahre später wohl kaum eine Ähnlichkeit bestünde.

Krimiautoren sind wie Kannibalen
Dermaßen den Wind aus den Segeln genommen, wandte sich die Lesungsmoderatorin schließlich Val McDermid zu. Auf die Frage, wie viel in einem Roman wie "Echo einer Winternacht" aus dem Leben der Autorin selbst stamme, antwortete McDermid weit ausholend, aber äußerst unterhaltsam: Viele Ereignisse oder Ideen ihrer Geschichten entnehme sie ihrem eigenen Leben, in den Figuren der vier jungen Studenten stecke einiges von ihr selbst. Die Autorin ist in einer ähnlichen schottischen Szenerie wie der im Buch geschilderten aufgewachsen, ganz in der Nähe von St. Andrews, dem Handlungsort des Romans. Am liebsten belausche sie Gespräche in der Straßenbahn - hier würde sie wundervolle, manchmal absurde Ideen für ihre Romane finden. "Krimiautoren sind in dieser Hinsicht wie Kannibalen" - sie nehmen Ideen aus ihrer Umgebung auf und verarbeiten sie in ihren Geschichten.

Ein amüsanter Zwiespalt
Manchmal, so McDermid, gerate sie bei ihrem "Kannibalismus" auch in einen Zwiespalt. So sei die Idee zu "Echo einer Winternacht" aus einem solchen entstanden, denn eine Freundin habe ihr erzählt, dass ihr Sohn einen unbekannten Mann niederschlagen aufgefunden habe und von der Polizei zunächst der Tat verdächtigt wurde. Zum Glück konnte das Opfer diesen Irrtum sofort aufklären. Auf eine solche Situation reagiere McDermid auf zwei unterschiedliche Arten: Einerseits versichert sie ihrer Freundin, wie viel Glück ihr Sohn mit dem glimpflichen Ausgang des Ereignisses gehabt habe, andererseits aber finge die Kriminalautorin in ihr an zu spekulieren, was der schlimmstmögliche Ausgang eines solchen Vorfalles gewesen sein könnte. Und voìla - die Idee zu vier unschuldigen Jungs, die über eine schwer verletzte und misshandelte junge Frau stolpern und vom falschen Verdacht nicht freigesprochen werden können, da das Opfer gestorben ist, ist geboren.

Das perfekte Verbrechen
McDermid erzählte weiter über ein großes Problem, mit dem sich moderne Kriminalautoren heutzutage herumschlagen müssen: In der heutigen Zeit ist es äußerst schwierig geworden, das perfekte Verbrechen zu begehen. DNA-Tests und andere moderne forensische Mittel erleichtern die Polizeiarbeit immens und machen es möglich, viel mehr Täter dingfest zu machen, als beispielsweise vor 25 Jahren. Ihrer Ansicht nach könnte man - dies schilderte sie natürlich mit einem Augenzwinkern - den perfekten Mord an einem Samstagabend im kalifornischen St. Anna begehen, indem man sein Opfer von einem Balkon werfe. Die Polizei in diesem turbulenten Ort habe an einem solchen Abend alle Hände voll zu tun und würde den Tod auf Depressionen und Selbstmord zurückführen. Ein Verbrechen dürfe eben nicht nach einem Verbrechen aussehen, so ihr "Tipp".

Die Zeit der privaten Ermittler ist vorbei
Auf der Strecke blieben - so McDermid - die privaten Ermittler in Kriminalromanen, die natürlich nicht wie die Polizei auf einen modernen Fundus an Untersuchungsmethoden zurückgreifen können. Daher schildern die meisten Kriminalautoren der Gegenwart entweder die Arbeit der Polizei oder versetzen ihre Handlung um einige Jahrzehnte zurück, als es eben noch keine DNA-Test usw. gab.

Forensisch immer up-to-date
In einem äußerst anschaulichen Vortrag stellte McDermid dann unter Beweis, dass sie - was forensische Methoden angeht - auf dem neusten Stand ist. Beispielsweise könne man heutzutage feststellen, ob eine Leiche ohne Arme und Beine an den verschwundenen Gliedmaßen eine Tätowierung gehabt habe, da sich in den Lymphknoten in der Nähe der Extremität die Farben der Tätowierung sammeln würden und man so sagen können, dass beispielsweise zu einem Torso eine rote Tätowierung am Arm gehören würde. Bizarr... Auch auf Geoprofiling ging McDermid kurz ein, stoppte sich dann aber selbst, um in ihren Ausführungen nicht zu weit abzuschweifen. Sie verriet nur kurz, dass die Sache mit den Tätowierungen nicht in ihrem nächsten Buch "The Grave Tattoo" vorkommen würde, sie dafür aber ihre Ermittler Geoprofiling in ihrem Roman "Killing the Shadows" / "Die Erfinder des Todes" anwenden gelassen habe und das zu einem Zeitpunkt, als diese Technik offiziell von der Polizei noch gar nicht eingesetzt wurde.

Der nächste Streich
Zur Zeit arbeitet McDermid an ihrem nächsten Buch, dem bereits erwähnten "The Grave Tattoo", in dem es um die ehemaligen Schulkollegen William Wordsworth und Fletcher Christian geht. Ein Vortrag über einen Mord im Lake District und diese beiden faszinierenden Figuren des 18. Jahrhunderts brachte die Autorin auf die Idee zu ihrem nächsten Psychothriller, der allerdings in der Gegenwart spielt. In ihrer Geschichte wurde der berühmte Meuterer nicht auf der Insel Pitcairn ermordet, sondern ist in die englische Grafschaft Cumbria zurückgekehrt mit dem starken Wunsch, seine Geschichte zu erzählen. Und wer könnte dies wohl besser für ihn erledigen, als sein alter Schulfreund, der Dichter William Wordsworth. Bis heute ist das daraufhin entstandene Manuskript verschwunden gewesen, doch nun untersucht der Student Matthew Kendal die Sache und gerät dabei in tödliche Gefahr...

Aller Anfang ist schwer
Natürlich wird man nicht über Nacht zu einer erfolgreichen Kriminalautorin. McDermids Meinung nach benötigt man drei Dinge, um Erfolg zu haben: Talent, harte Arbeit und Glück. Letzteres hatte sie, als ein Verlag nach vielen, vielen Absagen endlich einen ihrer Romane annahm, sie allerdings darum bat, diesen zu einem Theaterstück umzuschreiben. Das Stück war ein Erfolg, doch McDermids weitere Versuche in diesem Genre schlugen fehl - Romane waren doch einfach mehr das, was ihr am Herzen lag und von dem sie tief in ihrem Inneren wusste, dass sie es konnte. So wandte sie sich dem Krimi-Genre zu, dem sie ein einfaches Schema zugrunde legt: Ein Mord, ein Opfer und die Aufklärung der Zusammenhänge. Eventuell noch eine Journalistin dazu, die sich als Ermittlerin versucht - wobei sie ihre eigenen beruflichen Erfahrungen einfließen lassen konnte - und schon war Lindsay Gordon, eine von McDermids Serienheldinnen, geboren. Zu ihr gesellten sich dann im Laufe der Jahre noch die Privatdetektivin Kate Brannigan und der Profiler Tony Hill, der im Duett mit Polizistin Carol Jordan ermittelt.

Neues von den alten Figuren?
Auf die Frage eines Lesungsbesuchers, ob es denn bald noch einmal eine Geschichte mit den alten Figuren wie Lindsay Gordon oder Kate Brannigan geben werde, antwortete McDermid, dass sie zwar nichts genaues geplant habe, ihr aber bereits eine Idee für Kate Brannigan im Kopf herumspuke. Sie schreibe ihre Bücher allerdings immer um ihre Ideen herum - und suche nicht etwa nach passenden Ideen für ihre Figuren. Brannigan, Gordon, Hill & Co. müssen einfach auf die richtige Geschichte warten...

Tony Hill im TV
In Deutschland liefen bereits sieben Verfilmungen von Geschichten rund um den Profiler Tony Hill. Aus McDermids Kommentaren habe ich geschlossen, dass diese Geschichten sich nicht an ihren Büchern orientieren, sondern sich um die Figur Hills drehen und zudem nicht von McDermid geschrieben werden. Sie würde nur überprüfen, ob ein Fall realistisch erzählt werde und das Verhalten Hills stimmig wäre. Auf die Frage nach "Nachschub" an solchen Filmen antwortete McDermid, dass vier neue Sendungen bereits fertig produziert und vier weitere zur Verfilmung durch das ZDF im Gespräch wären.

Mit diesem Thema endete die unterhaltsame Lesung einer äußerst sympathischen Kriminalautorin. Ich habe diesen Lesungsbericht aus dem Gedächtnis aufgeschrieben und gebe keine Garantie dafür, dass ich hier alles richtig wiedergegeben habe.

Annette Wirtz, Januar 2005

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